Dienstag, den 18. Juli 2017 um 17:31 Uhr

Ausdruck mit Gebärden

Dies ist Teil 2 des Beitrags Bildung für Gehörlose.

Im Artikel «Ich bin dumm, ich gebärde» in «Der Beobachter» vom 21. Dezember 2010 wurde ich wie folgt zitiert:

Sie hatte das gleiche Bedürfnis wie hörende Kinder, wollte unbeschwert spielen – und durfte es nicht, weil man ihr den Ausdruck mit Gebärden verbot.

Erwachsene Gehörlose von heute haben durchwegs solche Erfahrungen gemacht. Was bedeuten diese Erfahrungen? Sie hatten als Kinder nicht die gleichen Chancen wie hörende Kinder. Sie konnten sich intellektuell und emotionell nicht gleich weit entwickeln wie andere, weil sie in ihrem Ausdruck von den Lehrern aktiv behindert wurden.

Heute hat sich vieles verbessert. Anderes blieb bis heute stark verbesserungswürdig, so wie die unterdurchschnittliche medizinische Versorgung von Gehörlosen in der Schweiz wie kürzlich in einer medizinischen Dissertation nachgewiesen.

Darum ist heute eine Bildung, die den Bedürfnissen der Gehörlosen entspricht, bis heute nicht selbstverständlich.

Darum fordere ich den gleichberechtigten Zugang zur Bildung für Gehörlose in Gebärdensprache. Gehörlose Kinder, auch solche mit einem Cochlear Implant, haben das Recht darauf, mit Gebärdensprache aufzuwachsen. Das heisst nicht, dass die Schriftsprache darunter leidet.

Schon in der Frühförderung hilft die Gebärdensprache bei der Sprachentwicklung und somit den Zugang zur gesprochenen Sprache (Bilingualität). Das geht weiter im Kindergarten und in der Schule. Es werden für Angehörige Heimkurse in Gebärdensprache angeboten (siehe Link Frühförderung).

Bei der Bildung muss man zudem berücksichtigen, dass Gehörlose Augenmenschen sind. Sie brauchen visuelles Material und schriftliche Unterlagen. Dies gilt auch für höhrere Bildungsgänge.

Zudem gibt es weitere Barrieren. Zum Beispiel werden bei Fernkursen oft Videos angeboten. Bei der Fernfachhochschule hat mein Mann einmal in eine MOOC in Mathematik reingeschnuppert, und ist schon am Anfang an einem nicht untertitelten Video gescheitert. Auch machen Online-Besprechungen und -Anlässe, worin Gruppen am Computer übers Internet zusammenarbeiten, oft Probleme. Schriftdolmetscher können Videos und Besprechungen transkribieren.